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Droemer Knaur

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Lügentanz - Ivonne Keller

5. April 2015

Lügentanz von Ivonne Keller (c) Droemer Knaur

inhalt3

Eines morgens stellt Michaela Michalsen ihrem Mann David nebenbei die Frage - „Liebst du mich noch?“. Mit einem „Nein“ hat sie auf keinen Fall gerechnet. Oder damit, dass er die Trennung möchte. Plötzlich fehlen ihr Erinnerungen an ein wichtiges Telefonat. Ist es der Schock? Oder sind die Aussetzer zurück, die sie bereits vor zwölf Jahren fest im Griff hatten? Spielt ihr Mann vielleicht sogar ein falsches Spiel und will sie in den Wahnsinn treiben?

Meinung

„Waren ihre Aussetzer wieder da? […] Kein Mensch hatte damals verstanden, was da vor sich ging. Auch nicht der Psychiater in der Klinik, obwohl er sich wirklich alle Mühe gegeben hatte.“ (S. 21)

Wie bereits bei Hirngespenster war der Schreibstil auch bei Lügentanz sehr schlicht, ohne große Ausschmückungen und dennoch schaffte es Ivonne Keller, dass ich das Buch schon nach den ersten paar Seiten kaum noch aus der Hand legen wollte.

Auch hier möchte ich mich zur Geschichte nicht mehr preisgeben. Jeder weitere Satz, der über die oben stehende Inhaltsangabe hinausgeht, würde zu viel verraten.

Das Buch war gespickt von authentischen, tiefgründigen, abwechslungsreichen Charakteren. Charaktere die zeigen, wozu Menschen fähig sind, wie sich traumatische Ereignisse auf die Psyche auswirken können aber auch, wie wichtig Bezugspersonen, Familie, Freundschaft und Liebe sind. Das Buch zeigt Protagonisten, die ich mir sehr gut im realen Leben vorstellen kann. Es wirkte, wie die Lebensgeschichte eines realen Menschen, statt einer fiktiven Person. Genau das ist es auch, was mich an Ivonne Keller’s Geschichten fasziniert - dieses ständige Gefühl, gerade eine wahre Geschichte zu lesen, obwohl sie komplett erfunden ist.

Von Beginn an war ich gefesselt, litt mit Michaela mit und wollte verzweifelt wissen, was los ist. Ist es ihre Psyche, ihr Mann, was passiert nur? Und was hat Lena vor, wer ist sie und Bea, ist sie wirklich eine so gute Freundin? Fragen über Fragen, die mit jeder Seite mehr wurden und erst ganz zum Schluss mit einem großen Knall aufgeklärt wurden. Dabei reicht der schlichte und etwas kühle Schreibstil vollkommen aus, denn Ivonne Keller schafft es immer wieder, kleine Appetithäppchen einzuwerfen, die mich komplett an das Buch fesselten. Denn zur eigentlichen Geschichte, stehen am Ende von jedem Kapitel Nachrichten von Bea, Michaelas bester Freundin, an sie, die aus der Zukunft sind, also nach den Geschehnissen. Und mit diesen Nachrichten kommen immer neue Hinweise und Fragen durch die ich ständige neue Spekulationen und Ideen hatte, die aber durch komplett überraschenden Wendungen widerlegt wurden.

Fazit

Auch mit Lügentanz konnte mich Ivonne Keller von der ersten bis zur letzten Seite überzeugen. Es war gespickt von wahnsinnig authentischen Charakteren. Ich fühlte mich, als würde ich gerade die Geschichte einer wahren Person lesen. Das ist das, was mich am meisten fasziniert. Ebenso wie die ständigen neuen kleinen Appetithäppchen auf eine mögliche Lösung, mit denen ich immer falsch lag. Das Ende überraschte mich komplett. Lügentanz bekommt somit fünf volle Herzen und ich bin hungrig auf mehr Geschichten von Ivonne Keller.

5herzen

Autorin:

Ivonne Keller wurde 1970 in der Nähe von Frankfurt a. M. geboren. 2008 hat sie mit dem Schreiben begonnen. Die von ihr verfassten Kurzgeschichten wurden bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Hirngespenster erschien bereits 2012 als eBook bei Knaur und 2014 kam es dann als Taschenbuch heraus. Noch mehr erfahrt ihr unter www.ivonne-keller.de und bald auch hier bei mir in einem Interview mit Ivonne Keller.

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Hirngespenster - Ivonne Keller

21. März 2015

Hirngespenster, Buchcover, Ivonne Keller (c) Knaur

inhalt3

Autorin: Ivonne Keller

Erscheinungsjahr: 2014

Verlag: Knaur

Seiten: 411

Format: Taschenbuch

Preis: 8,99 €

Silvie erwacht nach einem Unfall und ist nun gefangen in ihrem eigenen Körper. Einst war sie lebenshungrig, mit Mann und zwei Kindern. Anna, ihre Schwester, die jahrelang kurz vor einem Zusammenbruch stand, ist scheinbar verschwunden. Und ihre Rivalin Sabine pflegt auf einmal Silvie.

Meinung

Das zweite T bei Plot denkt ihr euch bitte einfach mal weg, keine Ahnung, wie das da landen konnte :D

„Stattdessen hänge ich meinen Erinnerungen nach und denke darüber nach, was geschehen ist, seit ich Anna das letzte Mal sah. Und wann es begann, dass sie mir zusehends entglitt.“ (S. 26)

Hirngespenster hat mich sprachlos hinterlassen und es ist wirklich schwer, das Buch in Worte zu fassen, ohne zu viel zu verraten. Deswegen werde ich nicht auf die Handlung und Geschichte an sich eingehen, sondern nur meine allgemeinen Eindrücke wiedergeben. Das, wass oben als Inhaltsangabe steht, reicht vollkommen. Der Rest wirkt nur, wenn ihr das Buch selber lest.

Der Schreibstil war schlicht, aber ergreifend und hat mich von der ersten Seite an gefangen. Hirngespenster ist dabei sehr abwechslungsreich. Wir haben die drei Frauen Silvie, Anna und Sabine. Die Kapitel wenden sich abwechselnd den dreien zu. Dabei sind Silvie’s Kapitel in der Ich-Perspektive erzählt, Annas und Sabines hingegen in der dritten Person. Dennoch kommt keine zu kurz. Alle sind gleich wichtig und erzählen uns jede ihre eigene Geschichte, die doch alle drei zusammen gehören und sich zum Schluss des Buchs schlüssig zusammenfügen.

Hirngespenster von Ivonne Keller (c) Knaur

Hirngespenster von Ivonne Keller (c) Knaur

Die Charaktere sind alle authentisch, mit ihren positiven und negativen Seiten. Ich fand keine der drei wirklich so richtig sympathsich, alle haben Dinge getan, die ich nicht gut heiße. Aber sie sind stark gezeichnet, als wären sie keine Romanfiguren sondern echte Menschen und ich konnte das Handeln, die Gefühle und die Gedanken von allen nachvollziehen und mich in all ihre Situationen hineinversetzen. Auch die Nebencharaktere waren alle gut gezeichnet, kein einziger war zu blass. Olga schafft es immer wieder, die doch sehr düstere und traurige Geschichte aufzulockern und brachte mich häufig zum Lachen. So hat das Buch doch einen leichten Eindruck hinterlassen.

Die Geschichte hat mich von Beginn an gefesselt. Immer wieder kamen neue Fragen auf, die ich unbedingt beantwortet haben wollte. Ich hatte einen typischen Roman erwartet und habe eine Mischung aus Roman, Krimi und Thriller bekommen. Ein Plot, der von Anfang bis Ende spannend war, immer wieder verwirrte, immer wieder Fragen aufwarf und unerwartete Wendungen brachte.

Hirngespenster von Ivonne Keller, Buchrücken (c) Knaur

Fazit
Hirngespenster bekommt eine hundertprozentige Leseempfehlung von mir. Die Charaktere sind zwar nicht unbedingt alle sympathisch, aber stark und authentisch. Ich konnte mich in sie hineinversetzten. Der Schreibstil konnte mich überzeugen und die Mischungen der verschiedenen Erzählstränge- und Perspektiven sorgten für Abwechslung und machten etwas Besonders aus dieser Geschichte. Es war ein berührendes Buch, das mich zum Nachdenken brachte und immer wieder spannende Wendungen bereit hielt. Das Ende hat mich dann komplett von den Socken gehauen und wird mich noch eine Weile zum Grübeln bringen. Verdiente fünf von fünf Herzen und ein dickes Dankeschön an Ivonne Keller, die es mit beim Feelings-Treffen auf der Leipziger Buchmesse signiert mitgegeben hat.

5herzen

Autorin

Ivonne Keller wurde 1970 in der Nähe von Frankfurt a. M. geboren. 2008 hat sie mit dem Schreiben begonnen. Die von ihr verfassten Kurzgeschichten wurden bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Hirngespenster erschien bereits 2012 als eBook bei Knaur und 2014 kam es dann als Taschenbuch heraus. Noch mehr erfahrt ihr unter www.ivonne-keller.de und bald auch hier bei mir in einem Interview mit Ivonne Keller.

Habt ihr Fragen für Sie, die ihr gerne beantwortet haben wollt? Dann sagt Bescheid, ich werde sie gerne berücksichtigen, wenn ich das Interview gestalte.

Ich bin jetzt auf jeden Fall sehr gespannt auf das nächste Buch von ihr „Lügentanz“, dass ich Gott sei Dank schon als eBook auf meinem Tolino schlummern habe.

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Die Therapie - Sebastian Fitzek

11. Februar 2015
Die Therapie von Sebastian Fitzek (c) Knaur

Die Therapie von Sebastian Fitzek (c) Knaur

Die 12-jährige Josy, Tochter des bekannten Psychiaters Viktor Larenz, verschwindet eines Tages unter mysteriösen Umständen. Es gibt weder Zeugen, noch Spuren oder eine Leiche. Ihr Schicksal bleibt ungewiss.

Vier Jahre später begegnen wir Viktor, der sich trauernd auf ein Ferienhaus auf Parkum zurückgezogen hat, um dort mit Hilfe eines Interviews endlich mit der Sache abzuschließen. Doch eine schöne Unbekannte, die von Wahnvorstellungen gequält wird, spürt ihn dort auf. In ihren Wahnvorstellungen erscheint ihr immer wieder ein kleines Mädchen, das ebenso wie Josy spurlos verschwindet. Ohne es geplant zu haben, beginnt Viktor mit der Therapie, die nach und nach immer mysteriöser wird.

Meinung

Die-Therapie-Sebastian-Fitzek

Schreibstil

Fitzek schreibt wunderbar flüssig und locker. Er schafft es, immer wieder kleine Hinweise und Cliffhanger am Ende von Kapiteln einzubauen, die einen stetig bei Laune halten und bei mir dafür gesorgt haben, dass ich das Buch kaum noch aus der Hand legen wollte. Leider muss man ja auch mal schlafen. Er schafft es Personen, Umgebungen und Szenen detailreich und anschaulich zu beschreiben. Ich habe mich direkt gefühlt, als würde ich mit auf Parkum im Sturm gefangen sein.

Charaktere und Geschichte

Fitzek hat seien Charaktere sehr detailreich und authentisch gezeichnet. Viktor ist unser Hauptprotagonist, der auch die Geschichte erzählt. Er blieb aber trotzdem zum Teil etwas unnahbar, so richtig tief in ihn hineinblicken kann man nicht, was aber perfekt zu ihm und seiner Geschichte passt. Anna Spiegel ist sehr mysteriös und war mir von Anfang an nicht ganz koscher. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass sie wichtig ist und irgendwie das Zentrum der Geschichte.

„Und dann erzählte sie die schlimmste Geschichte, die Viktor je in seinem Leben zu hören bekommen sollte.“ (S. 73)

Viel zur Geschichte will ich euch nicht verraten, denn es ist schwer, über Fitzek zu rezensieren, ohne zu spoilern. Josy, Viktors damals 12-jährige Tochter, verschwindet eines Tages spurlos aus der Praxis eines Allergologen. Es gibt keine Spuren und keine Zeugen und die Polizei ist sich sicher, dass sie entführt wurde. Jahrelang gibt es kein Lebenszeichen von ihr, aber auch die Leiche wird nie gefunden. Diese Ungewissheit treibt Viktor schließlich dazu, alleine nach Parkum zu fahren. Dort will er in Ruhe ein Interview zu diesen Geschehnissen und seinem Gefühlsleben beantworten, um endlich die Sache abzuschließen.

Die Therapie von Sebastian Fitzek - Buchrücken (c) Knaur

Die Therapie von Sebastian Fitzek - Buchrücken (c) Knaur

Doch dann tauch die unbekannte Anna Spiegel auf, die ihn anfleht, ihr zu Helfen. Seit vier Jahren praktiziert er nun schon nicht mehr als Psychiater, aber er redet trotzdem kurz mit ihr. Aufgrund eines schweren Sturms kann Anna nicht von der Insel weg und so fängt Viktor nun doch an, sie zu therapieren. Doch diese Therapie wird ganz anders, als er sich es hätte vorstellen können. Die Geschichte von Anna ist unfassbar und zeigt viele Parallelen zum Verschwinden von Josy. Viktor kann jetzt nicht mehr anders und will unbedingt die ganze Geschichte erfahren, die nach und nach immer mysteriöser, unheimlicher und gefährlicher für ihn wird.

„Und vielleicht hätte er sich umgedreht und die Gefahr etwas früher kommen sehen, vielleicht.“ (S. 266)

Das Buch geht rasant los, direkt mit dem Verschwinden seiner Tochter. Es wird aus der Sicht von Viktor erzählt und in manchen Kapiteln wird angegeben, wie viele Tage es quasi noch bis zur Wahrheit sind. Wir treffen Viktor einmal im Jetzt, als er seine Geschichte Dr. Roth erzählt und dann in der Erzählung zu den Tagen auf Parkum, die fünf Tage vor der Wahrheit beginnt. Das Buch hat sich rasant entwickelt. Mit jeder Seite kamen neue Andeutungen, eine verwirrender und unverständlicher als die andere. An den Enden jedes Kapitels immer wieder Cliffhanger und Andeutungen, was für eine schreckliche Wahrheit Viktor bald erfahren wird und in was für eine Gefahr er sich bald bringt. Das hat mich tief in die Geschichte gezogen und dafür gesorgt, dass ich das Buch kaum noch weg legen konnte. Ich war tatsächlich richtig wütend, wenn ich an sowas nebensächliches wie Schlaf denken musste. Allerdings fand ich, dass die Auflösung dann icht ganz so packen war, wie dadurch suggeriert wurde.

Nach zwei Abenden hatte ich das Buch dann auch schon fertig und war vom Ende unfassbar überrascht. Eigentlich von den beiden Enden, denn nach dem eigentlichen nimmt der Epilog noch mal eine komplett andere Wendung. Das ganze Buch über habe ich gerätselt und gerätselt und mit keinem von beiden habe ich gerechnet. Allerdings hat mir der Epilog nicht so wirklich gefallen, irgendwie war das zu viel, ohne ihn wäre das Ende perfekt gewesen.

Fazit

Fitzek hat mit Therapie ein spannendes Buch, mit detailreichen und authentischen Charakteren geschaffen. Mich hat das Buch von vorne bis hinten gepackt und unterhalten. Ich mag es sehr, wenn ich immer wieder neu verwirrt werde und so nie auf die richtige Lösung komme. Das macht ein Buch für mich richtig spannend. Allerdings gibt es einen kleinen Punktabzug, da ich manche Szenen einfach zu detailreich fand, was zwischenrein das Lesetempo etwas gebremst hat und ich das zweite Ende, den Epilog, nicht wirklich mochte.

4herzen

Autor: Sebastian Fitzek

Erscheinungsjahr: September 2006

Verlag: Knaur Taschenbuch

Seiten: 332

Format: Paperback

 

Autor

Sebastian Fitzek, 1971 in Berlin geboren, ist der deutsche Star des Psychothrillers. All seine Bücher werden in 20 Sprachen übersetzt und sind selbst in der Heimat des Spannungsromans, England und USA, erhältlich. Fitzek lebt noch heute in Berlin, studierte Jura, promovierte im Urheberrecht und arbeitete als Chefredakteur und Programmdirektor für unterschiedliche Radiostationen in Deutschland. Er schrieb bereits zahlreiche Bestseller, wie Therapie, Amokspiel, Das Kind, Der Seelenbrecher, Splitter und viele mehr.

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Rezensionen/Reviews

[Rezension] Als wir unsterblich waren - Charlotte Roth

1. Februar 2015

Als wir unsterblich waren von Charlotte Roth (c) Knaur

 

Berlin, November 1989. Der Tag des Mauerfalls. Die Junge Studentin Alexandra lässt sich von ihrer Freundin Maike mit zur Grenze ziehen, um diesen Tag des Umbruchs, diesen Tag, der in die Geschichte einging, hautnah zu erleben. Doch sie werden getrennt und sie geht unter in der Menschenmasse. Dort trifft sie auf einen jungen Mann aus Westberlin und beide wissen, sie gehören zusammen.

Berlin, kurz vor dem ersten Weltkrieg. Paula ist zu Beginn 16 Jahre, mutig und setzt sich schon früh für Frauen- und Arbeiterrechte ein. Die Träume von einer neuen, gerechten Welt teil sie mit dem beliebten und charismatischen Studentenführer Clemens, mit dem sie Seite an Seite kämpft und den sie unsterblich liebt.

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Meinung

Schreibstil

Die Geschichte wird durch Charlotte Roth in zwei Zeitsträngen erzählt. Berlin im Jahre 1989 und Berlin in den 1910er bis 1930er Jahren. Zeiten des Aufruhrs und Umbruchs. Die Stränge sind mit vielen Details und einer klaren und kraftvollen Sprache, die einen mitten ins Geschehen fallen lässt, verbunden. Besonders gut haben mir die Zitate vor jedem neuen Zeitabschnitt und die Verbindungen von damals zu 1989 gefallen. Denn jeder letzte Satz aus Paulas Zeit ist zugleich der erste Satz in Alexandras Zeit.

Geschichte und Charaktere

„Es war der 9. November 1989, einer jener Tage, von denen es später hieß, sie seien in die Geschichte eingegangen. Für die ganze Welt wurde es der Tag, an dem die Berliner Mauer fiel, und danach war nichts mehr wie vorher. Für Alex blieb es der Tag, an dem sie Oliver traf, doch auch für sie war danach nichts mehr wie vorher, kein Stein auf dem anderen und keine Wand mehr intakt.“ (S. 20)

Die Geschichte beginnt am Tag des Mauerfalls. Alexandra hat keine Eltern und lebt bei ihrer Momi. Von ihr hat Alex eine alte, unerklärlich Angst vor Menschen, Veränderung und Menschenmassen geerbt und lebt ihr Leben kaum. Doch am Tag des Mauerfalls überredet ihre Freundin Maike sieh, die Geschichte hautnah mitzuerleben und sie machen sich auf zur Grenze. Schnell werden sie in den Massen getrennt und Alex gerät in Panik, bis Oliver, ein junger Mann aus Westberlin, ihr zur Hilfe kommt. Sie verlieben sich sofort und verbringen ein paar wundervolle Wochen voller Glück zusammen.

Dann nimmt Alex Oliver mit zu ihrer Momi. Als sie ihn sieht und dann noch seinen Namen, Oliver Schramm hört, gerät sie in einen Schockzustand. Sie kann nur noch stottern und schreien „Nein, nicht Schramm, nicht Schramm“ und erleidet vor Schreck einen Herzinfarkt.

Von nun an versucht Alex herauszufinden, warum Oliver sie so erschreckt hat und wer dieser Schramm eigentlich war und vor allem, wer ihre Momi war. Ihre Momi, die eigentliche Paula heißt, kann das Leben nicht loslassen, bevor sie nicht mit etwas Schlimmen aus ihrer Vergangenheit abschließt und schließlich erzählt sie Alex ihre Geschichte.

Der Großteil des Buches spielt im Leben von Paula in den Zeiten kurz vor, während und nach dem ersten Weltkrieg. Zeiten parteipolitischer Auseinandersetzungen, großer Enttäuschungen, Hunger, Not und Leid. Charlotte Roth schafft es sehr geschickt, historische Ereignisse mit dem Leben von damals und der Geschichte rund um Paula und Clemes und ihrer großen Clique und deren Familien zu vermischen. Dadurch fühlte ich mich, als würde ich jeden Moment an Paulas Seite stehen. Ich tauchte ein in diese harte und grausame Zeit, die doch immer wieder Lichtblicke hatte. Eine Zeit geprägt von der Ausbeutung der Arbeiter, von Krieg, Tod, Schuld und Hungersnot. Wichtige Dinge aus Paulas Leben waren auch in den kurzen Erzählungen im Jahr 1989 dabei, wie Kuttes Kaffeeschild, Bratkartoffeln mit Mettwurst oder ein Gipsarm aus Pompeji.

Den Anfang des Buches fand ich etwas eigenartig und ich brauchte etwas um mich fallen zu lassen. Besonders dieser extrem plötzliche Umschwung von Alex und ihrer Persönlichkeit und dieses ich treffe einen wildfremden Menschen und zieh erst mal drei Wochen bei ihm ein, fand ich nicht so gut. Ab den ersten Kapitel von Paula war ich aber gefangen und wurde von Seite zu Seite mitgerissen. Von da an war das Buch für mich wirklich gut mit vielen facettenreichen, vollkommen klischeefreien und liebevoll gezeichneten Charakteren. Wobei die wichtigsten für mich auf jeden Fall Paula und Clemens waren und Alex nur eine kleine Nebenrolle war.

Fazit

Ein bewegendes und spannendes Buch. Charlotte Roth schafft es nach leichtem holpern am Anfang des Buches, eine ergreifende Geschichte zu erzählen von einer starken Persönlichkeit, Paula, die ein einzigartiger Charakter war. Das Buch ist die perfekte Mischung aus historischen Fakten, deutscher Geschichte und dem wahren Leben, in dem sich die Leute an Liebe und Hoffnung klammern um in diesem Elend überleben zu können. Ein Buch das verdeutlich, das all unsere Familien und Geschichten irgendwie von damaligen Ereignissen und Entscheidungen beeinflusst sind, zum Teil, ohne das wir wissen, wie. Es gibt vier Herzen und eine Leseempfehlung.

4herzen

Autorin: Charlotte Roth

Erscheinungsjahr: 2014

Verlag: Knaur Taschenbuch

Seiten: 570

Format: Taschenbuch

Autorin

Charlotte Roth wurde 1965 in Berlin geboren. Sie ist Literaturwissenschaftlerin und seit zehn Jahren als freiberufliche Autorin tätigt. Der Roman basiert auf einem Stück ihrer eigenen Familiengeschichte. Mit ihm hat sie sich einen langgehegten Traum erfüllt. Gemeinsam mit ihren Mann und ihren Kindern zieht sie durch Europa und hält aber trotzdem immer wieder an Berlin fest.

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