Browsing Category

Rezensionen/Reviews

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Sorbetnächte von Ellie Cahill

16. März 2016

Sorbetnächte von Ellie Cahill (c) Lyx - Buchcover

Infos zum Buch:

Autorin: Ellie Cahill
Erscheinungsjahr: 2015
Verlag: Lyx
Seiten: 383
Format: Taschenbuch

Joss findet heraus, dass ihr Freund sie betrügt. Die Sache ist klar - er ist Geschichte und keine Minute Liebeskummer wert. Aber die Enttäuschung und ihr verletzer Stolz wollen einfach nicht verschwinden. Doch wozu hat man einen besten Freund? Der hat selber eine katastrophale Beziehung hinter sich. Und er macht ihr einen schrägen aber verlockenden Vorschlag - Sorbet Sex.

Er soll wie Sorbet quasi die Geschmacksnerven neutralisieren. Joss und Matt sollen also wieder bereit für neue Partner sein, nachdem sie miteinander geschlafen haben. Aber das ganze darf natürlich nur nach strengen Regeln verlaufen. Die wichtigste - verliebe dich nicht in deinen Sorbet-Partner!

MeinungIch habe das Buch im Überraschungspaket vom Herzenstage-Team bekommen. Und ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass die Geschichte etwas für mich ist. Ich habe mich auf anhieb in das Cover verliebt, daher habe ich dem Buch natürlich dennoch eine Chance geben. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Sorbetnächte ist eine lockere, witzige Geschichte. Sie erinnert ein bisschen an typische amerikanische Filme wie „10 Dinge, die ich an dir Hasse“, „Eine wie Keine“ und Co und hat mich gut unterhalten.

Der Schreibstil von Ellie Cahill ist zwar nichts Herausragendes, aber sie schreibt locker und leicht und mit viel Witz. Die Geschichte an sich hat mir Spaß gemacht. Wie Joss und Matt miteinander umgehen, die Freundschaft, die die beiden verbindet, es war einfach herrlich. Der Großteil der Geschichte spielt in Rückblicken zum Start von Joss College-Zeit. Dort hat sie Matt kennen gelernt und wir erleben, wie die beiden sich das erste Mal treffen, auf die Idee mit dem Sorbet-Sex kommen und wie sich das ganze bis einige Zeit nachdem Studium entwickelt. In ihrem Umfeld wissen nur wenige von dem Arrangement und die, die davon wissen, halten nicht viel davon. Sie sind der festen Überzeugung, dass die Sache niemals gut ausgehen kann und sich früher oder später einer von beiden verliebt.

Sorbetnächte von Ellie Cahill (c) Lyx

Als die Geschichte dann langsam in der Gegenwart ankommt und Joss immer mehr merkt, dass alle Recht hatten und sie doch mehr für Matt empfindet, hat sie für mich leider etwas nachgelassen. Mir hat die Entwicklung im hinteren Teil der Geschichte nicht so gut gefallen. Es ist das ganze Buch über schon klar, dass Joss mehr empfindet, dann kam dieses typische, „Wir führen ein Gespräche und reden aneinander vorbei und reden erst mal nicht mehr miteinander“, wie wir es aus so vielen Büchern und Filmen kennen. Das hat die ganze Geschichte etwas gedämpft.
Joss und Matt mochte ich beide sehr. Nur Joss hat sich viel zu oft so klein und schlecht gemacht, und die beiden hatten stellenweise so ein Hin und Her, dass ich nur den Kopf schütteln konnte. Dennoch hatte ich viel Spaß, gerade weil die beiden wirklich sehr witzig und locker miteinander umgingen. Ich mochte ihren Humor sehr.

Fazit
Trotz des zunehmenden Klischees gegen Ende der Geschichte und den etwas langen Stellen, konnte mich Ellie Cahill mit Sorbetnächte super unterhalten. Ein Buch, dass sich auch gut als Verfilmung machen würde. Voller Witz, locker und leicht mit zum Großteil amüsanten Charakteren und Ereignissen. Eben genau das richtige Buch für gute Unterhaltung für zwischendurch.

4herzen

 

Autorin:

Ellie Cahill lebt mit ihrem Sohn und ihrem Ehemann in Milwaukee. Dort verbringt sie viel zu viel Zeit im Internet und mit dem Schauen von Katastrophenfilmen. Jeden Tag hat sie einen anderen Ohrwurm, der sie verfolgt. Einer ihrer größten Erfolge ist der erste Platz in einem Hula-Hoop-Wettbewerb. Sorbenächte ist ihr Debütroman.

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Renate Hoffmann von Anne Freytag

5. März 2016
Reante Hoffmann von Anne Freytag

Reante Hoffmann von Anne Freytag

Renate Hoffmann hat einen Entschluss gefasst. Sie will sich von ihrem Balkon aus in den Tod stürzen. Sie hat genug Gründe dafür. Doch irgendwie kommt immer wieder etwas dazwischen. Eine neue Vorgesetzte zum Beispiel. Oder Herberts Briefe. Oder auch die Erkenntnis, dass sie noch nie masturbiert hat oder am Meer war.

„Denn auch wenn man es nicht sehen konnte, weil sie atmete und sich bewegte, so war Renate an diesem eisigen Novembertag gestorben. Sie würde leben, jedoch ohne lebendig zu sein.“ (S. 266)

Aber sie hatte nicht immer sterben wollen. Vor einigen Jahren, da war sie ganz anders. Sie war nicht nur am Leben, sie hatte tatsächlich gelebt. Sieben Jahre früher war das Leben noch voller Möglichkeiten. Bis zu diesem einem Tag im November…

Meinung
Anne Freytag erzählt uns Renate Hoffmanns Geschichte mit einem sehr distanzierten, schnörkellosen Schreibstil. Und trotzdem ging mir die Geschichte unter die Haut. Dieser Stil hat perfekt zu Frau Hoffmann, die sie am Anfang der Geschichte ist, gepasst.

„Normalerweise zögerte Renate Hoffmann nie. Frau Hoffmann gehörte zu jenen Menschen, die immer alles bis ins kleinste Detail durchdachten und anschließend dem zuvor festgelegten Plan akribisch folgten“ (S. 3)

Frau Hoffmann ist eine unscheinbare, steife Person. Sie hat eine schmucklose Wohnung in einem tristen Plattenbau. Sie hat keine Freunde, redet mit niemanden und geht ihrer Arbeit als Buchhalterin pflichtbewusst nach. Sie hat zahlreiche Zwangsneurosen, sieht immer nur ihre gleiche Serie auf Video, putzt sich immer zur gleichen Zeit und exakt getimed die Zähne. Und sie ist einsam und wird ständig von einem Albtraum heimgesucht. Bis sie schließlich den Entschluss fasst, sich von ihrem Balkon im 11ten Stock zu stürzen.

Doch dann fällt ihr ein, dass sie noch nie geraucht hat, noch nie am Meer war. Und ständig kommt irgendetwas dazwischen. Bis sie schließlich merkt, dass sie ja doch ein bisschen am Leben hängt. Bis sie anfängt, die Geschehnisse, die sie dazu gebracht haben, sich überhaupt das Leben nehmen zu wollen, zu verarbeiten.

„Es tat weh, ihn gehen zu sehen, es tat weh, dass er am Horizont immer kleiner wurde und schließlich verschwand. Und doch wusste Renate, dass es an der Zeit gewesen war, ihn endlich gehen zu lassen.“ (S. 220)

Und während sie diese Dinge verarbeitet, erfahren wir in Rückblicken viel über ihr damaliges Leben, als sie noch bunt, statt grau war, Renate statt Frau Hoffmann. Über die Steine die ihr in den Weg gelegt wurden. Darüber, was damals, an diesem grauen Novembertag passierte. Und wir erfahren, warum Frau Hoffmann zu der wurde, die sie zu beginn der Geschichte war. Dabei erahnen wir recht bald, was passieren wird und wissen irgendwann ganz genau, worauf die Geschichte zu steuert. Und je näher der Zeitpunkt kam, desto mehr hoffte ich, es möge nie passieren. Was ja schwachsinnig ist, weil ich ja schon wusste, das es passiert und es kein zurück gibt.

Während sie ihre Geschichte verarbeitet, wird sie mit jeder Seite wieder mehr zu der Frau, die sie einmal gewesen ist. Sie merkt, wie kostbar das Leben ist und dass es trotz allen Widrigkeiten und Schicksalsschlägen doch noch lebenswert sein kann. Und sie merkt ganz besonders, dass sie liebenswert ist und ganz und gar nicht so schrecklich, wie sie sich selbst immer wahrnimmt.

„Frau Hoffmann betrachtete sich im Spiegel. […] Diese fremde, harte Frau war Frau Hoffmann unheimlich und gleichzeitig war sie ihr vertraut. Und in diesem Moment dämmerte ihr, dass diese fremde, harte Frau die letzten Jahre ihr Überleben gesichert hatte. Sie hatte dafür gesorgt, dass Frau Hoffmann nicht auseinandergefallen war.“ (S. 151/152)

Anne schafft es einfach hervorragend, Geschichten und Protagonisten zu erschaffen, die direkt aus dem Leben gegriffen sind. Ich habe mich jeder Zeit als Teil der Geschichte gefühlt, war gemeinsam mit Renate auf ihrem Balkon gesessen, habe mit ihre die schlimmen, aber auch guten Zeiten erlebt. Ich habe gelacht und geweint. Ein Buch das einfach von vorne bis hinten stimmt und sich fast schon wie ein Film in meinem Kopf abspielte.

Fazit
Eine Geschichte einer doch noch recht jungen Frau, die jeglichen Lebensmut verloren hat. Und die es dennoch schafft, sich wieder ans Licht zu kämpfen. Ein Buch darüber, wie wichtig es ist, sich aus einem Loch, mag es noch sie tief sein, wieder heraus zu kämpfen. Und das Leben jeden Tag voll auszukosten.

5herzen

Weitere Rezensionen

Elas Leselounge

Die Liebe zu den Büchern

Books in my World

Bücherkaffee

Infos zum Buch:

Autorin: Anne Freytag
Erscheinungsjahr: 2013
Verlag: Freytag Literatur
Seiten: 308
Format: Taschenbuch

 

Autorin:

Anne Freytag wurde 1982 in München geboren und studierte International Management. Sie arbeitete in einer Werbeagentur, bevor sie es wagte, ins kalte Wasser zu springen und sich voll und ganz dem Schreiben zu widmen. Wenn sie nicht schreibt, dann hat sie ihren Spaß mit Adriana Popescu im Facebook-Chat, macht Fahrradtouren durch München mit ihrem Freund, liebt es, um Mitternacht Dinkel-Poppys zu essen und im Internet nach alten Möbeln zu suchen.

Rezensionen/Reviews

[Besprechung] Der Vorleser - Bernhard Schlink

16. Februar 2016

Der Vorleser - Bernhard Schlink (c) Diogenes

Hannah ist reizbar und rätselhaft. Außerdem ist sie viel älter und doch wird sie zu seiner Geliebten. Und sie behütet verzweifelt ein Geheimnis. Nach einigen Monaten verschwindet sie spurlos und erst Jahre später, sieht er sie wieder.

„Wie sollte es ein Trost sein, daß mein Leiden an meiner Liebe zu Hannah in gewisser Weise das Schicksal meiner Generation, das deutsche Schicksal war, dem ich mich nur schwerer entziehen, das ich nur schlechter überspielen konnte als die anderen.“ (S. 163)

„Der Vorlesesr“ ist in einem sehr eingehenden aber zunächst für mich gewöhnungsbedürftigen Schreibstil gehalten. Er schreibt aus der Sicht des zu Beginn 15jährigen Michaels, der auf Hannah, eine Schaffnerin trifft. Zunächst mutet das Buch an wie eine lockere Geschichte eines nicht ganz alltäglichen Liebespaares. Doch bald entpuppt sie sich als etwas ganz anders, etwas viel tiefergehendes. Als eine Geschichte einer sonderbaren Liebe, einer Vergangenheit voller Schuld. Eine fast schon wie ein Krimi wirkende, philosophische Geschichte.

Bernhard Schlink behandelt unter anderem die Geschichte der Kinder derer, die zu Nazi-Zeiten gelebt haben, die damals im Krieg schreckliches getan haben und danach einfach ihr Leben weiterlebten. Die es freiwillig taten, die dazu gezwungen wurden, die nichts anders tun konnten, die einfach nichts dagegen getan hatten. Wie sollen die Kinder mit ihren Eltern umgehen? Ist es richtig, Menschen zu lieben, sie nicht zu verurteilen, wenn sie doch verurteilt gehören? Ist es richtig sie zu verurteilen, wenn man selber nicht weiß, wie es gewesen ist. Wenn man es selber nicht weiß, ob man sein Leben über das anderer gestellt hätte oder ob man sich gegen das Regime aufgelehnt hätte? Sollen sich die Kinder und Partner noch heute für sie schämen, sie verurteilen, sie nicht lieben, als eine Art Kollektivschuld?

„Ich wollte Hannas Verbrechen zugleich verstehen und verurteilen. Aber es war dafür zu furchtbar. Wenn ich versuchte, es zu verstehen, hatte ich das Gefühl, es nicht mehr so zu verurteilen, wie es verurteilt gehörte. Wenn ich es so verurteilte, wie es verurteilt gehörte, blieb kein Raum fürs Verstehen.“ (S. 151)

Aber der Vorleser behandelt noch ein ganz anders, für nicht Betroffene so viel unbedeutenderes Thema. Das Geheimnis, dass Hannah seit jeher mit sich herumträgt, dass sie um jeden Preis verheimlichen will. Ein Geheimnis, dessen Verschleierung so viel schlimmer ist, als das eigentliche Problem. Eine Sache, die man jederzeit offenbaren könnte, für die man Hilfe erhalten könnte. Man könnte jederzeit aufhören, diese Lüge zu leben. Doch der Preis, das ewig anhaltende Schamgefühl, ist Hannah zu hoch. Höher noch, als für Gräueltaten zu NS Zeiten alleine gerade zustehen, die sie zwar unterstützt, aber nie alleine ausgeführt hatte. Ist es das wirklich wert, nur um sich nicht Tag für Tag für eine für Außenstehende harmlose Schwäche zu rechtfertigen, sich in solche Verschleierungen zu verhüllen, sein Leben in Freiheit zu riskieren, nur um nicht entblößt zu werden und so nur noch viel schlimmer dazustehen? Eine Tat zu gestehen, die man nie begangen hat, um ein Geheimnis zu hüten. Und ist es richtig, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen und zu schweigen?

„Was für eine traurige Geschichte, dachte ich lange. Nicht daß ich jetzt dächte, sie sei glücklich. Aber ich denke, daß sie stimmt und daß daneben die Frage, ob sie traurig oder glücklich ist, keinerlei Bedeutung hat.“ (S. 206)

Eingebettet in eine Liebesbeziehung, die kein Aussenstehender je verstehen kann und die eher wie ein Machtspiel denn eine Liebesbeziehung anmutet, versucht Bernhard Schlink diese Fragen, auf dass es meiner Meinung nach doch nie eine richtige Antwort geben kann, zu lösen und zu diskutieren. Der Vorleser ist ein aufrüttelndes Werk, das zum Nachdenken anregt und ein berührendes Stück deutscher Geschichte.

Infos zum Buch:

Autor: Bernhard Schlink
Verlag: Diogenes
Erscheinungsjahr Erstausgabe: 1995
Erscheinungsjahr meine Ausgabe: 1997
Seiten: 207

 

Der Autor:

Bernhard Schlink wurde 1944 in Großdornberg geboren. Er ist deutscher Jurist und Schriftsteller. Er verbrachte seine Kindheit in Heidelberg. Er hat einen Sohn und lebt heute in New York und Berlin. Mit seinen Romanen hat er ein entscheidendes Stück der deutschen Literaturgeschichte mitgeschrieben.

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Die andere Hälfte der Hoffnung - Mechthild Borrmann

11. Februar 2016

inhalt3

Die andere Hälfte der Hoffnung - Mechthild Borrmann (c) Droemer

Autorin: Mechthild Borrmann
Erscheinungsjahr: 2015
Verlag: Droemer
Seiten: 308
Format: Taschenbuch
Preis: [D] 9,99 € [A] 10,30 €

Matthias Lessmanns Leben ist von einer Sekunde auf die andere vollkommen auf den Kopf gestellt: Als ein frierendes Mädchen plötzlich barfuß und leicht bekleidet auf seinem Hof steht. Der Bauer nimmt das junge Mädchen auf und gewährt ihr Schutz vor ihren Verfolgern. Dadurch gerät er mitten hinein in eine Geschichte voller Korruption, Gewalt und Menschenhandel.

„ […] Aber Hoffnung - das habe ich viel zu spät verstanden - ist ein lähmendes Gift, das uns ausharren lässt.“ (S. 17)

Währenddessen wartet Walentyna verzweifelt darauf, dass ihre Tochter zurückkehrt. Sie hat seit Monaten nichts mehr von ihr gehört. Sie scheint spurlos verschwunden, wie viele andere Studentinnen, die nach Deutschland ausgewandert sind. Um das Warten erträglicher zu machen, beginnt sie, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Meinung
Mechthild Bormann schreibst sehr schlicht und schnörkellos. Und dennoch hat sie es geschafft, dass ich das Buch in nur wenigen Stunden gelesen habe. Mit „Die andere Hälfte der Hoffnung“ hat sie mich vom ersten Satz an in Atem gehalten. Eine Kriminalgeschichte, die durchweg spannend und unfassbar ist. Aber das Buch ist viel mehr, es ist ein Zeitzeugnis der Geschehnisse in Terschnobyl und ein Zeugnis von den Folgen dieser Katastrophe. Es ist eine tragische und ergreifende Familiengeschichte. Eine Geschichte, die unter die Haut geht.

Trotz dieser drei so unterschiedlichen Erzählstränge wirkt das Buch keineswegs überfrachtet. Denn Borrmann ist eine hervorragende Komposition aus diesen drei Sichten gelungen. Die kriminalistischen Aspekte laufen nahtlos in die zeitgeschichtlichen Geschehnisse und das Familienschicksal Walentynas über. Sie schreibt uns ihre Erinnerungen an ihr Leben und besonders die Jahre rund um die Tschernobyl-Katastrophe auf.

„‚Ich schreibe, weil ich darauf hoffe, dass du diese Zeilen einmal lesen wirst. Wider aller Vernunft halte ich dem Schicksal dieses Heft wie einen Köder hin. Weil ich es nicht ertrage, untätig zu sein. Weil ich es nicht ertrage, ohne Hoffnung zu sein.‘“ (S. 104)

Sie schreibt für ihre Tochter. Die Tochter, die seit Monaten spurlos verschwunden ist. Die in Deutschland studieren und arbeiten wollte und seit dem kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hat.

„Dass er von ihr als Tanja sprach, hatte für einen Moment die Schmerzen gelindert. Das passierte nicht ihr und ihrer Freundin. Das passierte Marina und Tanja.“ (S. 31)

Gleichzeitig erleben wir in einem anderen Handlungsstrang eine packende Kriminalgeschichte. Als ein frierendes, leicht bekleidetes Mädchen auf dem Hof von Matthias Lessmann auftaucht. Dessen Leben ab diesem Moment für die nächsten Monate vollkommen durcheinander kommt, der aber auch aus seiner Litanei entkommt. Und der in einer Geschichte landet, die grauenvoller nicht sein könnte und die leider auch harte Realität ist. Ein Geschichte voller Korruption und Menschenhandel, in denen sich reiche Menschen mit viel Einfluss die Not der Kinder der Terschnobylopfer, die alle an der Armutsgrenze vollkommen ohne Perspektive in der Ukraine leben, zu nutze machen, um sie auszubeuten und zur Prostitution zu zwingen.

„Ein Gespinst aus Lügen, von Anfang an. Ihre Lügen und seine. Und wie ein Insekt hatte er sich in den feinen Fäden verfangen.“ (S. 244)

Fazit

Mechthild Borrmann verwebt die Geschichte des hilflosen, fliehenden Mädchens, mit der Geschichte von Leonid, der in der Korrupten Miliz verzweifelt versucht den Fall der verschwundenen Tochter von Walentyna aufzuklären. Diese gehen wiederum lückenlos und perfekt in die Lebensgeschichte Walentynas über. Eine gelungene Kombination, die mich unterhielt, packte und allen voran sprachlos machte und mich tief ergreifen konnte.

5herzen

Die Autorin:

Mechthild Borrmann wurde 1960 geboren und verbrachte ihre Kindheit am Niederrhein. Bevor sie ihre Karriere als Kriminalroman-Autorin begann, war sie unter anderem als Tanz- und Theaterpädagogin und Gastronomin tätig. Ihre vorherigen Kriminalromane „Wer das Schweigen bricht“ und „Der Geiger“ sind beides mit bedeutenden Preisen ausgezeichnete Werke. Und auch „Die andere Seite des Himmels“ wurde bereits für den Friedrich-Glauser-Preis 2015 nominiert. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin in Bielefeld.

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Meine deutsche Literatur seit 1945 - Marcel Reich-Ranicki

4. Februar 2016

Autor: Marchel Reich-Ranicki

Herausgeber: Thomas Anz

Verlag: DVA

Erscheinungsjahr: 2015

Seiten: 541

Preis: [D] 26,99 € [A] 27,80 € [CH] 35,90 €

Meine deutsche Literatur seit 1945 - Marcel Reich-Ranicki. Herausgeber: Thomas Anz (c) DVA

Marcel Reich-Ranicki war ein halbes Jahrhundert lang einer der erfolgreichsten und bedeutendsten aber auch einer der umstrittensten deutschen Literaturkritiker. Er hat die literarische Nachkriegszeit wie kein anderer bis in das 21. Jahrhundert geprägt. Er war Teil der „Gruppe 47“, schrieb Kritiken für Feuilletons einflussreicher Zeitungen und war Teil des populären „Literarischen Quartett“ das wohl jeder von uns Buchfreunden kennt. 2014 erschien bereits der Band zur Geschichte der Literatur seit dem Mittelalter. „Meine deutsche Literatur seit 1945“, das von Thomas Anz herausgegeben wurde, beschäftigt sich mit der Literatur der Nachkriegszeit und DDR bis hin zur Gegenwart, also mit der tpyischen Gegenwartsliteratur.

„Das außergewöhnliche intensive Interesse deutscher Autoren Anfang der sechziger Jahre für psychiatrische Motive ist also vollauf begreiflich - und dennoch beunruhigend. Bisweilen will es nämlich scheinen, dass wir es hier mit zwar naheligenden, aber auch bequemen literarischen Lösungen zu tun haben.“ (S. 34) - Aus Die deutschen Schriftsteller und die deutsche Wirklichkeit.

Wir haben eine hervorragende und bunt gemsichte Auswahl an Essays und Kritiken von Marcel Reich-Ranicki vor uns, die zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören. Wir bekommen Einblicke in Lobreden, die bei ihm wahrlich selten sind, und seine Verrisse bekannter, für uns sehr großer Schrifsteller, die mit viel Ironie und Sarkasmus gespickt sind. Dabei sind sie aber immer ehrlich, tiefgründig und gerecht. Trotz teilweiser sehr harrscher Worte kann man Reich-Ranicki doch nie böse sein, denn er nimmt ein Buch richtig auseinander. Er zersetzt es, analysiert es, setzt es wieder zusammen und bringt es ihn den geschichtlichen, gesellschaftlichen Kontext und berücksichtigt dabei immer auch das Gesamtwerk und die Lebensgeschichte, den Werdegang eines jeden Autors. Nachrufe, Laudatien und Berichte aus Treffen der Gruppe 47 sowie Teile aus dem berühmten Literarischen Quartett runden diese exzellente Auswahl ab.

„Neben dem Hang zum Sachlichen und zum Nüchternen kann man den Debütanten der sechziger Jahre auch einen sicheren Blick für reale Gegebenheiten und für konkrete gesellschaftliche Milieus nachsagen.“ (S. 36) - Aus Die deutschen Schriftsteller und die deutsche Wirklichkeit.

„Meine deutsche Literatur seit 1945“ ist kein leichtes Buch, dass man einfach mal zwischenrein liest. Es ist ein Zeugniss der deutschen Literaturgeschichte. Hautnah erleben wir den Wandel in der Literatur der Nachkriegszeit bis heute, die viel die Kriegszeiten und die DDR als Rahmen hat. Egal ob Verriss oder Lobrede, Reich-Ranicki bleibt sich dabei immer treu, ganz egal, ob das Buch bereits gelobt wurde oder nicht. Er steht zu seinem Standpunkt und begründet dabei jedes Detail, das ihm wichtig ist. Gerade die Kritiken zu Beginn des Buches schweifen dabei oft sehr ausführlich in die Umwelt ab und in die Gegebenheiten unter denen die Geschichte entstand. Sehr interessant waren für mich vor allem die Aritkel, in denen es um die Literatur und Literaturkritik selbst geht, wie beispielsweise „Kritik auf den Tagungen der Gruppe 47“.

„Dieses Buch ist eine Provokation und eine unglaubliche Zumutung. Dieser Anfänger ist eine ganz große Hoffnung.“( S. 65) - Aus Ein Eisenbahner aus der DDR: Zu Uwes Johnsons Roman „Mutmaßungen über Jakob“.

Zwar habe ich mehrer Wochen gebraucht, um diese Auswahl von Marcel Reich-Ranickis wichtigsten Texten zu lesen, aber es waren einige spannende Wochen durch die Welt der deutschen Literatur seit 1945. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der einen Einblick in Reich-Ranickis Gedanken und in die deutsche Literaturgeschichte der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart möchte.

„[…] Er wird immer wieder geschwätzig. Wäre der Roman um mindestens zweihundert Seiten kürzer, es wäre - wenn auch sicher kein bedeutendes Werk - doch weit besser.“ (S. 70) - Aus Auf gut Glück getrommelt: Spielereien und Schaumschlägereien verderben die Zeitkritik des Günter Grass.

Meine deutsche Literatur seit 1945 - Marcel Reich-Ranicki. Herausgeber: Thomas Anz (c) DVA

Bücherkultur Challenge Rezensionen/Reviews

[Besprechung] Fahrenheit 451 - Ray Bradbury

27. Januar 2016

Fahrenheit 451 spielt in einem totalitären Zukunftsstaat. Das Lesen von Büchern ist streng verboten. Die Aufgabe der Feuerwehr ist es, Bücher aufzustöbern und zu verbrennen, mitsamt der Häuser. Die Besitzer landen im Gefängnis. Guy Montag, unser Protagonist, ist einer der Feuerwehrmänner. Pflichtgetreu führt er seinen Dienst aus. Bis er dem jungen Mädchen Clarissa begegnet. Seine Einstellung ändert sich und er begeht eine Tat mit weitreichenden Folgen: Er liest ein Buch…

Autor: Ray Bradbury
Erscheinungsjahr: 1953 (meine Ausgabe 2003)
Verlag: Heyne
Seiten: 187
Format: Taschenbuch
Preis: [D] 7,00 €; [A] 7,20 €
Originaltitel: Fahrenheit 451

Fahrenheit 451, das ist die Temperatur, ab dem Buchpapier Feuer fängt. Das Buch war früher mal ein unbekannte, kleine Erzählung in einem SiFi Magazin. Doch der sehr eingehend Schreibstil Bradbury’s, der für mich das Buch zu einem besonderem, tiefgehenden Werk macht, sowie das erschreckende Szenario machte die Geschichte rund um Guy Montag weltbekannt.

Diese Welt, in der Bücher durch die Feuerwehr verbrannt werden, bedient die Zensur, das Beschlagnahmen und die Verbrennung von Büchern. Doch geht Fahrenheit 451 noch weiter. Die Zensur, die es ja bereits im wirklichen Leben schon gab beziehungsweise gibt, galt sonst immer ideologischen oder rassistischen Werken. Hier ist jedoch jedes Buch betroffen. Das Lesen und Besitzen von sämtlichen Büchern ist streng untersagt. Eine Szenario das erschreckend ist. Und das noch erschreckender ist, da dieses Verbot, laut Hauptmann Beatty nicht von Oben kam, sondern aus der Bevölkerung heraus entstand. In einer Welt, in der keiner mehr Zeit hat, alles schnell gehen muss, die Schlagzeilen immer kürzer werden müssen, die Romane eher Kurzgeschichten weichen, Werbung und Fernsehen und Radio uns umgeben, haben die Menschen ganz von alleine aufgehört zu Lesen. Dieses Dichten und Denken, dass ja nur unglücklich macht, wird gemieden und ist den meisten unverständlich geworden.

„Vergiß vor allem nicht, Montag, wir sind die Glückshüter, du und ich und die anderen. Wir stemmen uns gegen die wenigen, die alle unglücklich machen wollen mit ihrem Dichten und Denken“. (S. 77)

Die Menschen werden durch Drogen, Freizeitparks und überdimensionale Videowände permanent unterhalten, sind dem selbständigen Denken beraubt. Ja Guy und seine Frau wissen nicht einmal mehr, wo sie sich eigentlich kennen gelernt haben. Bücher werden als der Hauptgrund für nichtkonformes Denken hingestellt. Montag funktioniert und geht pflichtbewusst seiner Arbeit nach. Doch heimlich hortet er selber einige Bücher im Lüftungsschacht. Als er eines Tages der fast 17-jährigen Clarissa begegnet, ändert sich etwas in ihm. Sie redet von Kunst, vom freien Denken, von der Schönheit der Natur, bis ein traumatischer Einsatz Montag schließlich zum so verpöntem Nachdenken bringt und er sich selbst eine Meinung bilden möchte.

„Es muss etwas dran sein an den Büchern, etwas, von dem wir uns keine Vorstellung machen, wenn eine Frau sich deswegen verbrennen läßt. Es muss etwas dran sein. Um nichts und wieder nichts tut man das nicht.“ (S. 66)

Bradbury spricht in den 50er Jahren ein Thema an, was damals sehr visionär war und heute erstaunlich, fast beängstigend nah an der tatsächlichen Entwicklung dran ist. Heute ist ein solches Szenario, mit dem er vor der Gefahr, dass das uns überall umgebende Fernsehen die Bücher verdrängt und uns verblöden lässt, warnen möchte, gar nicht mehr so undenkbar, wie es eventuell damals noch war.

Fahrenheit 451 wartet zwar nicht mit einer sehr rasanten, detaillierten Welt oder Geschichte auf, es geht mehr um die Aussage des Buches und den Inhalt, nicht um das Setting oder einen raffinierten Plot. Mir gingen vor allem die Beschreibungen der Gefühle, des Lebens, der Eindruck durch die ständig lärmenden, mit dir redenden Videowände, die gedankenlosen Menschen die aus Spaß Leute überfahren, diese vollkommen rücksichtslose Freizeitindustrie, unter die Haut. Und mir als Buchfreund tat vor allem das Verbrennen der Bücher besonders weh.

Die Geschichte ist zwar nicht sonderlich action-reich, aber sie regt zum Nachdenken an und ist mit dem eindringlichen Schreibstil im Stile der 50er Jahre ein bemerkenswertes Werk. Ein Buch, dass uns nicht nur die Potenziale sondern vor allem auch die Abgründe der menschlichen Natur näher bringt. Bradbury bedient sich dem Vergleich mit einem Phönix, den ich sehr treffend finde. Ein Phönix, der sich immer wieder selbst verbrennt und aus der Asche neu aufersteht. Nur dass der Mensch genau weiß was er da tut und trotzdem nicht aus seinen Fehlern lernt. Und nun, ohne Bücher, nicht einmal mehr nachlesen kann, was denn überhaupt die Fehler waren.

„Aus der Kinderstube an die Universität und wieder zurück, da hast du die geistige Entwicklung der letzten fünf Jahrhunderte oder gar länger.“ (S. 70)

Autor:

Ray Bradbury wurde 1920 geboren. 1934 zog seine Familie nach Los Angeles. Dort machte er seinen Highschool-Abschluss und knüpfte Kontakte zur SF-Szene. 1941 wurde seine erste Kurzgeschichte im Magazin Super Science Stories veröffentlicht. Weit über die Grenzen der SF-Szene hinaus wurden er vor allem durch Fahrenheit 451 aber auch durch The Martian Chronicles und The Illustrated Man bekannt. Neben weiteren Erzählungen schrieb er einige Kriminalromane, Essays und Drehbücher. Heute gilt Bradbury als einer der bedeutendsten Vertreter der amerikanischen Gegenwartsliteratur.

Weitere Rezensionen/Besprechungen:

Ink of Books

Klingelfänger

Für diese Seite werden Cookies verwendet. Durch die Nutzung dieser Webseite erklärst du dich mit der Nutzung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen

Diese Website verwendet Cookies von Google, um ihre Dienste bereitzustellen, Anzeigen zu personalisieren und Zugriffe zu analysieren. Informationen darüber, wie du die Website verwendest, werden an Google weitergegeben. Durch die Nutzung dieser Website erklärst du dich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

Schließen